13 Wochen Praktikum

Die Berliner Prüfungsordnung sieht vor, dass eine Zulassung zur Ersten Juristischen Prüfung unter anderem von der Ableistung von 13 Wochen Praktikum abhängt. Am Tag der Anmeldung wird dies penibel mit dem Kalender nachgerechnet. Fehlt auch nur eine halbe Woche, kann das die Anmeldung unnötig kompliziert machen. Die Praktika können nur in der vorlesungsfreien Zeit erbracht werden. Da in dieser zahlreiche Hausarbeiten anfallen, solltet ihr euch bereits frühzeitig um die ersten Praktika bemühen. Dabei müsst ihr beachten, dass jedes Praktikum mindestens vier Wochen dauern muss um anrechnungsfähig zu sein. Da ihr mit dem voranschreitenden Studium immer mehr zu tun haben werdet, rate ich den Erstsemestlern stets, bereits nach dem ersten, spätestens aber nach dem zweiten Semester ein vierwöchiges Praktikum zu absolvieren. Aber wo kann ein Jurastudent denn Praktika machen? Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten, von denen ich hier nur einen kleinen Abriss über die drei gängigen Stationen vorstellen werde:

1. Bei einem Richter

Der Vorteil eines Praktikums bei Gericht liegt zum einen darin, dass ihr dieses bereits nach dem ersten oder zweiten Semester ohne Probleme absolvieren könnt. Ihr erhaltet für einige Wochen einen guten Einblick in die Arbeit, Arbeitsweise und den Alltag eines Richters.

Für ein Praktikum bei Gericht gibt es mehrere Möglichkeiten. Ihr könnt zum Verwaltungsgericht, Strafgericht, Arbeitsgericht oder zu einem Zivilgericht – je nach Interessengebiet. In der Regel weist euch die für die Vergabe der Praktikantenstellen zuständige Stelle einen Richter zu, der während des Praktikums für euch zuständig ist.

Die Arbeitsbelastung während eines Praktikums bei Gericht ist überschaubar. In der Regel  besucht ihr zwei Verhandlungstage in der Woche. Teilweise kommt noch ein dritter Tag hinzu, an dem ihr euch in die Akten für die kommenden Verhandlungstage einlesen könnt. Ihr nehmt von der Arbeit eines Richters daher nur das „Beste“, nämlich die spannenden Verhandlungen mit echten Zeugen, Tätern etc. mit.

Für eine Bewerbung kommt es nicht auf euren Notendurchschnitt oder bisherigen sonstigen Leistungen an. Vielmehr gilt: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Beachtet daher unbedingt die Bewerbungsfristen. Für die kommenden Sommersemesterferien kann man sich allerdings erst ab dem 1. April des jeweiligen Jahres bewerben. Stellt sicher, dass eure Bewerbung genau an diesem Tag vorliegt, dann habt ihr die besten Chancen.

Ein Praktikum beim Gericht ist somit für Studenten in niedrigen Semestern sinnvoll, da ihr zu diesem Zeitpunkt bereits über ausreichend Wissen verfügt, um daraus etwas mitzunehmen. Wegen der überschaubaren Arbeitsbelastung bietet sich ein Praktikum bei Gericht allerdings auch für Studenten aus höheren Semestern an, da man Hausarbeiten relativ gut neben dem Praktikum schreiben kann.

2. Die Staatsanwaltschaft

Eine weitere Möglichkeit für ein Praktikum bietet die Staatsanwaltschaft. Auch durch diese erhält man einen guten Einblick in den Alltag eines Gerichts. Ihr erfahrt hier aber auch viel über die Ermittlungstätigkeit der Staatsanwaltschaft. Ggf. kann man sogar zu einer Durchsuchung mit. Man kann sich Beweismittel, Fotos anschauen und erfährt auch einiges zum Beispiel über die Arbeit der Polizei und eines forensischen Schriftsachverständigen. Daneben nimmt man in der Regel an Verhandlungen teil und darf dort neben dem Staatsanwalt sitzen, in der Akte blättern und sich selbst Fragen stellen wie: „Glaube ich dem Angeklagten? Lügt der Zeuge?“.

Ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft ermöglicht es euch auch, frühzeitig Kontakte zu Staatsanwälten zu knüpfen. Im Referendariat nach dem ersten Examen kann man auf diese Kontakte zurückgreifen und sich einen Staatsanwalt „wünschen“.

Von der Arbeitsbelastung ähnelt sich diese Station kaum mit der bei Gericht. Der Staatsanwalt hat ein bis zwei Tage Sitzungsvertretung, an denen ihr teilnehmen könnt. Daneben kann es sein, dass ihr einen weiteren Tag zur Staatsanwaltschaft geht um Akten zu lesen.

Auch hier gilt: Wer sich frühzeitig bewirbt, hat die größten Chancen auf das Praktikum. Wie  beim Richter gilt für das kommende Sommersemester auch hier die oben genannte Bewerbungsfriste (1.4.).

Ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft bietet sich ebenfalls für Studenten der unteren Semester an, da dann die erforderlichen materiell-rechtlichen Kenntnisse vorhanden sind und man während des Praktikums interessante prozessuale Aspekte lernt und gleich „live“ erlebt. Aber auch für Studenten aus den höheren Semestern bietet sich ein solches Praktikum an, da es nicht nur spannend ist, sondern auch noch genügend Zeit für die Vorbereitung auf den Schwerpunkt oder das Examen lässt.

3. Die Großkanzlei

Eine weitere Möglichkeit für ein spannendes Praktikum bieten die Großkanzleien, die bei ihrer ständigen Suche nach Nachwuchs abwechslungsreiche Praktikantenprogramme entwickelt haben. Als Praktikant lernt man in diesem Rahmen nicht nur die Arbeit in einer Großkanzlei selbst kennen, sondern vieles mehr. Es finden regelmäßig abendliche Treffen mit anderen Praktikanten und Anwälten statt. Man besucht etwa Galerien, macht gemeinsame Kochkurse, geht essen oder nimmt an einer Stadtrally teil. Außerdem fliegt man – je nach Praktikantenprogramm – in andere Städte und sieht sich dort Kanzleien an. Es gibt zusätzlich wöchentliche Workshops, Vorträge und Englischkurse. Häufig wird man als Praktikant sogar bezahlt!

Einen der begehrten Plätze zu ergattern, ist natürlich nicht ganz einfach. Die Großkanzleien sind hauptsächlich leistungsorientiert, weshalb es vordergründig auf eure Noten im Studium ankommt. Es gibt kurze Bewerbungsgespräche, bei denen allerdings meist keine fachlichen Fragen gestellt werden.

Das Praktikum in einer Großkanzlei ist sehr zeitintensiv. Die Praktikantenprogramme gehen in der Regel über fünf Wochen. Eine tägliche Anwesenheitspflicht ist gängig. Ein Arbeitstag kann ohne Weiteres von 9 bis 21 Uhr dauern. Allerdings erhält man dadurch einen realistischen Einblick in die Arbeit einer Großkanzlei.

Ein Praktikum in einer Großkanzlei ist eher Studenten aus den höheren Semestern zu empfehlen. In der Regel macht ein Praktikum in einer Großkanzlei erst ab dem fünften Semester wirklich Sinn. Erst dann verfügt ihr über das nötige Wissen, um für euch selbst aus dem Praktikum etwas mitnehmen zu können.

Neben diesen drei gängigen Praktikumsstellen gibt es zahlreiche weitere, zum Beispiel beim Auswärtigen Amt oder in einer kleinen Kanzlei (bei der man meist näher am Fall arbeitet als bei Großkanzleien üblich) oder auch im Bundestag.

Wo auch immer ihr euer Praktikum machen möchtet, um einen Blick in die Zeit nach dem Studium zu erhaschen, die besten Chancen habt ihr, wenn ihr euch direkt zu Beginn der jeweiligen Fristen bewerbt. Nutzt die Möglichkeit eines Praktikums möglichst frühzeitig und genießt die praktische Erfahrung dort als Ausgleich zu der vielen Theorie!

Eure Anja